Sechs führende Bahá’í in Iran verhaftet20. May 2008 Österreichische Bahá’í befürchten Auslöschung der Bahá’í-Gemeinde in Iran
Wien/New York – In Iran sind sechs führende Bahá’í verhaftet und ins berüchtigte Evin-Gefängnis in Teheran überstellt worden. Die überfallsartige Verhaftung ähnelt der schlagartigen Festnahme der damaligen Bahá’í-Führung in den 1980er Jahren, deren Mitglieder bald darauf getötet wurden, ist die österreichische Bahá’í-Gemeinde alarmiert.
Bei den Verhafteten handelt sich um fünf Männer und eine Frau, alle Mitglieder einer Bahá’í-Gruppe, welche die Angelegenheiten der Bahá’í in Iran – mit Wissen der iranischen Regierung - landesweit zu koordinieren versucht, nachdem die iranische Regierung 1983 alle Verwaltungsinstitutionen der Bahá’í aufgelöst hatte, wie die Pressesprecherin der österreichischen Bahá’í-Gemeinde, Ottilie Käfer, mitteilt. Geheimdienstagenten waren am frühen Morgen des 14.Mai 2008 zeitgleich in die Wohnungen der sechs Bahá’í eingedrungen hatten diese durchwühlt und dann die Bahá’í abgeführt.
Bei den Mitgliedern des Führungskreises – alle aus Teheran - handelt es sich um Frau Fariba Kamalabadi, Herrn Jamaloddin Khanjani, Herrn Afif Naeimi, Herrn Saeid Rezaie, Herrn Behrouz Tavakkoli und Herrn Vahid Tizfahm. Bereits am 5. März 2008 wurde Frau Mahvash Sabet festgenommen. Als siebentes Mitglied der Koordinierungsgruppe war sie unter einem Vorwand in die Stadt Mashhad vorgeladen worden, um dort dem Geheimdienst Auskunft über die Beerdigung eines verstorbenen Bahá‘í zu geben.
Hilferuf an Außenministerium
Die österreichische Bahá’í-Gemeinde hat über die beunruhigende Entwicklung der Lage der Bahá’í das Außenministerium informiert und um Hilfe gebeten, teilte die Sprecherin weiter mit. „Die jüngsten Verhaftungen beweisen, dass die iranische Regierung ihren Plan, die Bahá’í-Gemeinde im Iran auszulöschen, fortsetzt“, wie sie betonte.
Die Internationale Bahá’í-Gemeinde, die bei den Vereinten Nationen als nichtstaatliche Organisation akkreditiert ist, hat gegen die Verhaftung schärfstens protestiert. „Ihr einziges Verbrechen ist es, dass sie den Bahá’í-Glauben praktizieren“, sagte Bani Dugal, Hauptrepräsentantin der Internationalen Bahá’í-Gemeinde bei der UNO in New York.
Friedhöfe geschändet – Brandreden von Mullahs
Die Verfolgung der Bahá’í in Iran ist in den letzten Monaten eskaliert. So werden in einer Reihe von Städten und Dörfern Bahá’í-Familien massiv eingeschüchtert, um sie zum Wegziehen zu zwingen. Bahá’í-Friedhöfe wurden geschändet und in einigen Fällen vollständig zerstört. Die Behörden nehmen auch Freunde und Nachbarn von Bahá’í ins Visier und warnen sie vor ernsthaften Konsequenzen, falls sie weiterhin Umgang mit Bahá’í pflegen. In Massenmedien erscheinen diffamierende Berichte, um die Bevölkerung gegen die Bahá’í aufzuhetzen. Muslimische Geistliche halten Brandreden gegen die Bahá’í.
Zum Hintergrund
Die Bahá’í-Religion hat keine Geistlichen. Die Verwaltungsgeschäfte der örtlichen, nationalen und internationalen Bahá’í-Gemeinde werden durch Gremien von jeweils neun Personen geführt. Diese Körperschaften werden jährlich in demokratischer Wahl bestellt. Auf nationaler Ebene heißt die oberste gewählte Körperschaft Nationaler Geistiger Rat, auf lokaler Ebene Geistiger Rat. Das Weltzentrum der internationalen Bahá’í-Gemeinde hat aus historischen Gründen seinen Sitz in Haifa, Israel.
Vor der islamischen Revolution 1979/1980 gab es in Iran einen Nationalen Geistigen Rat sowie etwa 600 örtliche Geistige Räte. Am 21. August 1980 wurden alle neun Mitglieder des damaligen Nationalen Geistigen Rates für immer spurlos verschleppt. Acht Mitglieder des Nachfolgegremiums wurden am 27. Dezember 1981 hingerichtet. Seit 1979 waren über 200 Bahá'í ermordet oder hingerichtet worden. Seit 1998 ruhten Hinrichtungen von Angehörigen der Bahá'í-Religion in Iran. Nach dem Verbot sämtlicher Verwaltungsgremien der iranischen Bahá’í-Gemeinde am 29. August 1983 koordinierten informelle Führungsgruppen die notwendigsten Aktivitäten der iranischen Bahá’í-Gemeinde.
Der im 19.Jahrhundert von Bahá’u’lláh (1817-1892) gestiftete Bahá’í-Glaube lehrt, dass alle Religionen derselben göttlichen Quelle entstammen. Zu den sozialen Prinzipien der Bahá’í zählen die u.a. die Gleichberechtigung von Mann und Frau und universale Erziehung. Seit Anbeginn sind ihre Anhänger in Iran, in welchem nur die Buch-Religionen Islam, Christentum, Zoroastertum und Judentum anerkannt sind, immer wieder Verfolgungen ausgesetzt, obwohl sie sich ihren Glaubensgrundsätzen gemäß als loyale Staatsbürger erweisen und sich jeder politischen Tätigkeit enthalten. Auch heute bleibt Bahá’í der Universitätsbesuch verwehrt und sie sind von vielen beruflichen Tätigkeiten ausgeschlossen. Die UNO und die EU sowie eine Reihe von Regierungen in aller Welt haben die Verfolgung der Bahá’í in Iran scharf verurteilt. Mit rund 300.000 Mitgliedern zählt die Bahá’í-Gemeinde in Iran zur größten religiösen Minderheit des Landes, der allerdings fundamentale Bürgerrechte verwehrt sind.
Für den Inhalt verantwortlich: Büro für externe Angelegenheiten der Bahá’í-Religionsgemeinschaft Österreich
Rückfragen: Ottilie Käfer, Handy 0664 320 29 27; E-Mail otti.kaefer@tele2.at |
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